Spiegelzeltblog 2013

6. Juni 2013


DER VERUNSICHERER


Der Modecocktail Aperol Spritz besteht aus Aperol, Prosecco, Soda, Limette, Minze und Soda. Es wird im neuen Programm von Florian Schroeder „Offen für alles und nicht ganz dicht“ Symbol für eine Generation welche nicht entscheiden kann, was und wohin sie eigentlich will. Wie schon im Vorjahr nimmt der Jungstar der deutschen Kabarettisten seine Altersgruppe aufs Korn. Schroeder ist Spiegelzelt-Wiedergänger, er gastiert schon zum dritten Mal an diesem Ort, diesmal vor ausverkauftem Rund, wie er stolz konstatiert.

Zunächst steigt er mit einer direkten Wählerbefragung ein, das plaudernde Warm up streift Hochwasser, Probleme des Verteidigungsministers („de Maiziere ist die Drohne der schwarzgelben Koalition“), die Kanzlerkandidaten und die Frage der BILD-Zeitung, ob Deutschland zu groß für Europa sei („Erika Steinbrück hat das gleich gelikt“). Bevor er etwas tiefer schürft, macht er sich Gedanken um Parteientransfer im Bundestag und Zusammenhänge zwischen Müsli-, Ergo- und Bratmaxewerbung, gespickt mit vielen Imitationen bekannter Politiker und Medienstars. Schroeders Klinge ist elegant, und sein Wechsel zwischen Comedy und Kabarett fließend. Er ist kein Weltverbesserer wie Hagen Rether und kein Verbalakrobat wie Matthias Deutschmann, sondern ein sarkastischer Kommentator von Zeitläufen und aktuellen Fehlentwicklungen. Was ihn auszeichnet ist sein stetiges Prinzip der Verunsicherung: es gibt keine Gewissheiten, denn was er vor der Pause anprangert oder propagiert, schlägt nach der Pause oft ins Gegenteil um. Alles wird sehr freundlich serviert, manchmal im furiosen Schnellsprech, dann wieder als klassische Conference. Schroeder kennt seine Yuppies mit „Schawatte“ (der Mischung aus Schal und Krawatte, welche Kreativität vortäuscht“) die Freiheit immer als Freiheit von etwas definieren, sich in Brainstormings ihrer selbst versichern, und zwischen Facebook und Youtube ihre Zeit verdaddeln. Sie sind eben offen für alles, um dann „mal zu sehen“. Diese zeitgeistliche Unverbindlichkeit zwischen „Analogistan“ und „Digitalien“ ist politikfern, und das macht sie gefährlich. Schroeder setzt dort den Hebel an, porträtiert das neue Statusdenken bei der Kindererziehung oder analysiert sinnentleerte Texte von „Silbermond“. Schon in seinem letzten Bühnenprogramm „Du willst es doch auch“ gab es die Nummer mit den zahlreichen Offerten von „Starbucks“, wo selbst kleines Revoluzzertum an der stoischen thailändischen Bedienkraft scheitert. Neu dazugekommen sind  beispielsweise ein hintergründiges Motivationstraining und ein parteienübergreifender aktueller Politiker-Imitations-Rundumschlag, der sich allerdings manchmal allzu sehr an Äußerlichkeiten festmacht. Schroeder ist kein Botschafter, eher subtiler Pädagoge, der sein Publikum ernster nimmt, als es auf den ersten Blick scheint.

Natürlich ist für den studierten Germanisten der Besuch in Weimar auch historische Reminiszenz. Er hat seinen Goethe gelesen, und interpretiert dessen Biografie nach der Pause dermaßen locker, dass die alteingesessenen Historienbewahrer öfters Schnappatmung bekommen. Die Besucherinnen Stefanie und Ilka bekommen einen Espresso von ihm serviert, weil sie einen Schlagertext richtig zuordnen konnten, da gibt er spontan den Tommy Gottschalk und erntet viele von den häufigen Lachern.

Schroeder unterhält, das ist legitim, und sein Spiegel bildet auch generationsübergreifend ab. Erst 23:30  ist die vergnügliche und intelligente Lehrstunde beendet, da hat er als Zugabe die letzte Messe von Benedikt zelebriert und entlässt sein begeistertes Publikum in einen Abend ohne Regenguss. Daran muss man sich erst wieder gewöhnen.


FAZIT

Erfrischender und sarkastischer Blick auf den Zeitgeist.


SPRUCH DES TAGES

„Goethe ist der Peter Maffay unter den Literaten.“

Florian Schroeder über die körperliche Größe des Dichters


SPLITTER

Manchmal muss man erkennen, dass Kunst rein gar nichts bewirkt. Vor der Pause hatte Florian Schroeder die Mix-Getränke Aperol Spritz und „Hugo“ als Cocktails der „Entscheidungslosen“ gegeißelt. Ein kurze Nachfrage des „Krrrtikrrrs“ am Tresen des Spiegelzeltes stellte klar, dass diese Erfrischungen danach trotzdem in gleicher Anzahl geordert wurden...

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